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RTL vs Menschen die Spiele spielen

Als Mensch der ab und an mal im Internet herum hängt komme ich nicht umhin einen leichten Disput zwischen der Gamercomunity und dem Qualitätssender RTL zu bemerken. Der folgende Artikel schafft dem nicht damit bekannten Leser einen Überblick über diesen Disput und endet mit einer „Moral von Geschicht“ – verfasst aus dem Gesichtspunkt eines Menschen, der in Kindheitstagen nur mit dem Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen aufgewachsen ist und erst im hohen Alter gezwungen war sich mit dem Privatfernsehen auseinander zu setzten. Wer die Geschichte „Gamer vs RTL“ schon kennt, der mag ruhig sofort zur Moral springen. (Oder zumindest auf das blau unterlegte blond weiter unten klicken. =P )

Der Ursprung dieses Disputes -sagen wir die Runde 0 – liegt noch im Dunkeln, doch Runde 1 war dann schon ein wenig besser zu erkennen: RTL produzierte einen journalistisch hochwertigen Beitrag über den typischen Besucher der Spielemesse Gamescom.

(Sollten irgendwann einmal Außerirdische auf der Erde landen, könnten sie auf folgender Veranstaltung wirklich enge Freundschaften schließen…)

Die erste Aufregung zeigte sich unserer Reaktion in einem Beitrag auf dem Internetportal IGN. Dessen Autoren kritisieren die Charakterisierung von Spielern als unhygienische Lebewesen, die nicht fähig sind sozial mit Anderen zu interagieren und ihr komisches Äußeres zu Schau stellen – sofern sie sich aus ihren Kellern trauen. Wie generell diese Stigmatisierung auf einer Skala von 8-10 nun ist, dies wurde unter dem entsprechenden Beitrag noch diskutiert, ebenso die Rolle der Protagonistin Laura Da Silva oder auch Laura Schen. Ich möchte mich auch an dieser Stelle nicht an der Diskussion beteiligen – sehen ich doch alle Diskussionen der Art: „Nutzt Privatfernsehen Vorurteile gegen Minderheiten für eigene Zwecke?“ als rein akademisch an.

Kommen wir nun gemeinsam zu Runde 2, charakterisiert durch das Ende der Diskussion „Beleidigung ja/nein?“ und dadurch, dass sich die durch die RTL Berichterstattung Beleidigten in aller Form äußerten bzw. zu Wehr setzten. Sei es das Spiele Magazin GIGA, dass mit einer eigenen Reportage auf RTL-Niveau antwortete,

(Sollten irgendwann einmal Amöben das Sprechen lernen, so würden sie auf dieser Veranstaltung wahrscheinlich sehr viele Freundschaften schließen.)

seien es viele You-Tube Nutzer, die sogar nicht davor zurückschreckten einen Anonymous-Fälschung zum entsprechenden Thema veröffentlichten oder seien es einfach Menschen, die sich bemühten die Tatsache, dass die oben erwähnte Protagonistin Laura nicht nur der Haarfarbe nach blond ist, heraus zustellen. RTL reagierte professionell mit dem Versuch den eigenen Beitrag aus dem Netz zu entfernen und war damit auf der eigenen Seite auch erfolgreich.

RTL schlägt zurück
Professionelle Antwort RTLs auf die Verbreitung des eigenen "Explosiv" Beitrages auf YouTube - Die Antwort auf die Verbreitung von Kritik zum gleichen Thema sieht ähnlich aus...

Auf YouTube hingegen tauchte für jeden gesperrten Beitrag dieser Art ein Neuer auf. Gleiches gilt auch für die Versuche RTL’s z.B. den GIGA Beitrag sperren zu lassen. Im weiteren Verlauf des Kampfes – ja, dazu wurde es mittlerweile stilisiert – gingen über 7000 Beschwerden auf dem Portal programmbeschwerde.de ein. (Stand bei Redaktionsschluss dieses Teils dieses Artikels.)

Dies bringt uns zu Runde 3: Der Ausweitung der Auseinandersetzung auf soziale Netzwerke. Hier ist vor allem facebook zu nennen. Auf dieser wunderschönen Plattform begann zunächst – frei nach dem Motto: Wer unschuldig ist, werfe den ersten Stein – ein Herrn Kickbusch, der in irgendeiner Form als Redakteur bei RTL an diesem Beitrag beteiligt war, auf seiner Seite mit Veröffentlichungen der Art:

„Ich persönlich glaube, Gamescom-Besucher und Computerspieler sind ein humorloser Menschenschlag.“

„Mich störnense [die Reaktionen der Gamer] jedenfalls auch nicht. Weil das ja offensichtlich nicht ganz ernst gemeint ist, was, wie der ein oder andere Kommentator ja trefflich bemerkt hat, schon mit alberner Musik unterlegt ist und albern betextet ist. Die Reaktionen der Daddler bestärken mich allerdings eher in der Vermutung, dass zuviel Computerspielen keinen förderlichen Effekt auf Sprachverständnis u.ä. hat…“

„Ich glaube, die ganzen Daddel-Freaks bei der Gamescom sind direkt aus Wacken hierher gereist.“

auf sich aufmerksam zu machen. Die zu erwartenden, neuerlichen, Proteste brachten allerdings den Sender RTL und auch später den werten Herren selbst dazu, sich von seinen Äußerungen zu distanzieren. Mehr noch: RTL veröffentlichte sogar eine kurze Entschuldigung am heutigen 27.08.2011. (Okay, diese war keine 20 Sekunden lang, aber immerhin mit wenig Suchen auf der Startseite des Senders zu finden.)

Bild zu: RTL Flashmob "DIE ALIENS SIND GELANDET"
Bild zu: RTL Flashmob "DIE ALIENS SIND GELANDET"

Im Nachgang muss zu dieser Runde natürlich noch erwähnt werden dass – ebenfalls auf Facebook – zu einem Flashmob für den heutigen Tag vor dem RTL Gebäude aufgerufen wurde. Von den ca. 700 Zusagen, kamen letztendlich nur 10% die sich Nass regnen ließen, aber immerhin: Eine noble Quest.

Und nun zur Moral von der Geschichte: Auch wenn der Spiele-Markt heute ein sehr großer ist kann man ohne zu lügen sagen, dass „Gamer“ durchaus noch eine Minderheit darstellen. Allerdings eine Minderheit, die sehr gut mit dem Medium Internet umgehen kann. Dieses Tatsache hat ihnen geholfen einen Privatsender dazu zu bringen sich für einen diskriminierenden, minderqualitiativen Beitrag zu entschuldigen. Zwar nur in kleinem Rahmen und sicherlich auch ohne Reue, aber immerhin.

Wenn wir nun annehmen, dass es in Deutschland eine wesentlich größere Menge an Menschen gibt, die wirklich guten Journalismus, Unterhaltungssendungen, die ohne die Verspottung irgendwelcher Personen/Gruppen auskommen, und Sendung von wirklich gutem Format zu schätzten wissen, dann sehe ich Licht am Ende des Tunnels. Man stelle sich vor all diese Menschen würden – tief in ihrem Bewusstsein für hochwertiges TV getroffen – an ihre Rechner oder an einen anderen Punkt laufen, an dem sie etwas ausrichten können und das aktuelle Angebot der Privatsender, metaphorisch ausgedrückt, zur Hölle jagen oder es zumindest boykottieren, stoßen diese die Türe zu einer verbesserten Zukunft dieser Republik auf. Nicht zuletzt, weil dem Medium Fernsehen ja ein gewisser prägender Einfluss auf die ein oder Altersgruppe nachgesagt wird.

In diesem Sinne: – Viva la Tevolution!

nachtillion

27. August 2011